Kunst- und Gestaltungstherapie

Im Zentrum der Kunst- und Gestaltungstherapie als handlungs- und erlebnisorientierter Therapieform steht der kreative Umgang mit bildnerischen und plastischen Materialien, ein Prozess, bei dem Körper, Seele und Geist gleichermaßen beteiligt sind und dessen Reflektion dem Menschen entwicklungsfördernde Einsichten in seine Persönlichkeit ermöglicht. Im freien bildnerischen oder plastischen Gestalten können psychische Inhalte wie unbewusste Konflikte oder Ängste mit Farben und Ton etc. unmittelbar ausgedrückt werden, oft lange bevor sprachliche Mitteilungen darüber möglich sind.

Im Bemühen um einen gestalterischen Ausdruck, d.h. im aktiven Tun, erleben sich die Patienten als handelnde, ihren Problemen nicht ohnmächtig ausgelieferte Menschen. Sie werden dabei zunächst konfrontiert mit inneren Bewertungen, oft erlebt als hemmender Leistungsdruck, verinnerlicht durch Erziehung und geprägt durch das soziale Umfeld. Der Gestaltungsprozess eröffnet dabei einen geschützten Raum, ein Experimentierfeld, in dem Neues gewagt, Grenzen (z.B. des Materials, der Bildfläche, €¦) ausgelotet, auch mal überschritten werden können. Solche Erfahrungen und deren Reflektion in der Gruppe helfen, hemmende Blockaden und ihre Ursachen zu erkennen und aus einer veränderten Haltung heraus einen wohlwollenden, entwicklungsfördernden Umgang mit sich selbst zu erarbeiten. Wenn die verinnerlichten Bewertungsmechanismen schwächer werden, wird es möglich, sich einem freien Gestaltungsprozess, in dem auch Unbewusstes Ausdruck finden kann, zu überlassen. Psychische Spannungen und Emotionen, die oft nur als diffuses Unbehagen, als Schmerz oder beeinträchtigendes Symptom erlebt werden, können durch den bildhaften Ausdruck einer bewussten Auseinandersetzung zugänglich gemacht werden.

Für diesen Prozess ist keine künstlerische Begabung erforderlich. Ein ästhetisch künstlerisches Ergebnis wird nicht angestrebt, und dennoch tritt nicht selten eine bis dato unbekannte Begabung zu Tage. Ebenso können andere von der jeweiligen Symptomatik überlagerte Ressourcen, d.h. ungelebte, nicht verwirklichte Potentiale eines Menschen aufgespürt werden, deren Mobilisierung mit einem Zuwachs an Kreativität verbunden ist und blockierte Selbstheilungskräfte aktivieren kann.

In der Betrachtung der so entstandenen Gestaltungen in der Gruppe kann das Erlebte reflektiert und integriert werden. Auch und gerade in Phasen des Umbruchs, bei Krisen und Veränderung ist die Spiegelung durch die Umwelt, in der Klinik stellvertreten durch die Auseinandersetzung mit den Therapeuten und den Gruppenmitgliedern, wichtig, um die eigene Identität neu zu finden. Diskrepanzen zwischen Selbst- und Fremdwahrnehmung werden deutlich, verdrängte, abgespaltene Persönlichkeitsanteile können erkannt und integriert werden, um eine blockierte Entwicklung wieder in Fluss zu bringen. Alte Beziehungsmuster können hinterfragt, Konfrontationen im geschützten Rahmen gewagt und erste Verhaltensänderungen erprobt und in Ansätzen angewandt werden.

Im Erleben von Kreativität und Phantasie wachsen Selbstvertrauen und das Bewusstsein, mit Unbekanntem, Ängstigendem und Krisen eigenverantwortlich umgehen zu können.


Dreidimensionales Gestalten - Bildhauerei als Therapie

Beim Bildhauern als Therapie geht es um die Auseinandersetzung mit den Materialien Stein und Holz. Das Arbeitsmaterial ist entweder Kalkstein oder Sandstein, beides ideale Arbeitssteine für Menschen ohne spezielle Erfahrungen auf dem Gebiet der Bildhauerei. Als Holzarten kommen in erster Linier Tanne, Buche, Pappel und Obstbaumhölzer in verschiedenen Größen in Frage.

Kein anderes Material in der Gestaltungstherapie widersetzt sich so beharrlich und standhaft, bietet in diesem Sinne ein "echtes" Gegenüber wie der Stein oder das Holz. Schlag für Schlag fordert es zu einer wirklichen Begegnung auf, man muss ständig seinen Formen nachzuspüren, um seine Härte und seine Dichte, seine materielle Beschaffenheit, seinen Klang und auch seinen "Rückschlag" zu erleben. Dabei entsteht ein individueller Arbeitstakt, der den Arbeitenden in den Augenblick der Gegenwart holt, ins Hier und Jetzt, in den Rhythmus des Lebens.

Der Arbeitende entwickelt so schrittweise eine Beziehung zu seinem Objekt und jeder Schritt dieser Entwicklung hinterlässt seine unwiderruflichen Spuren. Dieser Prozess braucht Zeit. Die Willenskraft, die der Stein im Arbeitenden weckt, formt beide: Stein und Mensch. Dabei geht es um die Entwicklung eines Gefühls und die Kenntnisnahme von Körperhaftigkeit, Massigkeit, Flächen und Gegenflächen im Wechselspiel von Konvex und Konkav, Spannungen in der Oberflächenstruktur, der Haltung der Plastik, der Lage im Raum, der Beziehung zwischen der plastischen Form und dem Um-Raum, der Mehransichtigkeit einer Plastik und deren Wirkung auf den Betrachter.

Nicht unbedingt das "Was" des Gestaltens und schon gar nicht der künstlerische Aspekt ist bei der Bildhauerei als Therapie wichtig, sondern vor allem das "Wie" des Arbeitens. Was erlebe ich und spüre ich in mir (oder in der Gruppe bei den anderen) beim Gestalten und wie geht es mir mit meiner Plastik? Das Aufspüren von Zusammenhängen zwischen dem allmählich geformten Objekt und den inneren psychischen Prozessen, die während des Schaffens am Werk sind, ist der eigentliche Gegenstand der Therapie. Dies geschieht über die Sinnesempfindungen, über Wahrnehmungen, die wir über Augen, Ohren, Nase oder Haut machen.

Kreativität umfasst in der Bildhauerei-Therapie also nicht nur das Produkt, sondern auch den Weg und das Erleben, die zur Verwirklichung einer Skulptur führen. Im Anschluss an das eigentliche Gestalten wird in der Gruppe über das Erlebte und die gestalteten Werke gesprochen. Wir versuchen in der Gruppe, der Bedeutung, die der Prozess und die Skulptur für den einzelnen erlangt hat, nachzuspüren, das Erlebte sprachlich nachzuzeichnen. Dieses gemeinsame Gespräch in der Gruppe ist ein wichtiger Bestandteil der Therapie. Hier geht es auch darum, sich auszutauschen und Gemeinsamkeiten zu finden, bei Anderen zu erleben, dass man nicht alleine in der Welt ist, sondern sein Erleben mit Anderen teilen und Mitgefühl entwickeln kann. Wir erkennen, dass Gefühle durch unser Handeln entstehen, dass die Vorgehensweise am Stein oder Holz der Art entspricht, wie man auch sonst auf die Welt zugeht.